Die Sphinx von Kelkheim

In: Spigel Online, November 2001

(Quelle: Matthias Horx: Das UnSicherheits-Zeitalter. Kelk-heim: Zukunftsinstitut 2001. 68 S., 100 Euro)

Vier Wochen nach der terroristischen Verheerung des Ground Zero analysiert der Zukunftsforscher Matthias Horx, Autor und Direktor des Kelkheimer Zukunftsinstituts, in seiner Studie „Das (Un)Sicherheits-Zeitalter“ den „Megatrend Terror und seine Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft“. Horx` Studie, in Ultrahochgeschwindigkeit erdacht, erhoben und erstellt, bündelt Voraussetzungen und Folgerungen der Terroranschläge in vier Szenarien, über die 1.000 Teilnehmer in der „Delphi-Umfrage“ auf der Homepage des Zukunftsinstituts abgestimmt haben.

Die Begriffsschimäre Un(S)icherheit hat sich mit den Terroranschlägen und mit Namen wie „Djihad“, „Bin Laden“ oder „Al-Quaida“ vor der westlichen Welt wie eine Altlast aufgetürmt. Eine Unsicherheit, die vor Monaten vielleicht nur Globalisierungsgegner in ihren Protesten empfanden, aber nicht zu artikulieren verstanden. Nun wird dieser unempfundene, plötzlich explodierte Neologismus „Unsicherheit“ studienhalber selber zum unsicheren Leitbegriff umfunktioniert, der ganze Staaten, Gesellschaften und Zivilisationen zur Einreihung in Phalanxen zwischen Lethargie und Aktivismus zwingt.

Den Kern von Horx’ Studie über das (Un)Sicherheits-Zeitalter bilden die vier Was-wäre-wenn-Szenarien einer Delphi-Umfrage. Allen Szenarien gemeinsam ist die Annahme, dass der moslemisch-extremistische Terror mehr oder minder wirkungsvoll in den nächsten Jahren andauert. Das erste „Djihad Age“-Szenario beschreibt eine Art selbst produzierter Apokalypse der westlichen Welt. Ohne militärische Erfolge gegen den Terrorismus werde „die Mutter aller Schlachten“ in die Industrienationen getrieben, mit allen Folgen politischer und wirtschaftlicher Instabilität. Die humanistische Gegenbewegung, die pikanterweise aus den Resten der Globalisierungsgegner entstehen kann, begründet im zweiten Szenario eine internationale Jugendbewegung, die unterstützt von UN und einer neuen Weltpolizei in den Djihad-Staaten Asiens und in Afrika Entwicklungshilfe zum dortigen Wiederaufbau und Selbstschutz leistet. Das dritte Szenario spekuliert mit einer Destabilisierung der USA nach einer Reihe von Terroranschlägen. Darin kommt die USA als Bündnispartner Europas nicht länger in Frage. Überall auf der Welt entstehen neue Allianzen, die EU scheitert, Russland und China bilden neuen Pakte, Pakistan und Indien versinken im innenpolitischen Chaos, entfacht von aufrührerischen Separationsbewegungen. Das vierte Szenario reformuliert Erinnerungen an George Orwells „1984“. Westliche Gesellschaften etablieren Polizei und Geheimdienste, schirmen sich nach außen nahezu perfekt ab. „Festungsgesellschaften“ entstehen, von denen Horx meint, dass sie auch ohne internationale Handelsverflechtungen prosperieren werden.

Die Studie der zukunftsforschenden Sphinx von Kelkheim liest sich stellenweise wie real erprobter Weltuntergang im Deckmantel wissenschaftlicher Prognostik. Seine vier Szenarien analysieren Konstruktionen über westliche Handlungs- und Reaktionsalternativen, als wären sie die Realität, und verschweigen dabei explizite (Aus-)Wege für Protagonisten und Betroffene der weltweiten Hybris. Was würde passieren, wenn sich die islamisch-moslemische Welt angesichts der weltweiten Bedrohung durch Terror emanzipiert, nicht nur zu Kooperationen neigt, sondern das Terrorproblem selber lösen kann, statt weiterhin mit attentäterischen Fratzen durch die internationalen Massenmedien zu geistern? Das hat Horx – wie so vieles – nicht bedacht. Überhaupt mangelt es an Detailanalysen der Szenarien. Folgt man den Szenarien, treffen sie wie Erdbeben mit ganzer Gewalt, sperren sich gegen Alternativlösungen, wirken absolut und auswegslos. Horx’ Szenarien sind Unsicherheits-Verstärker. Das ganze wirkt wie eine unausgegorene Anleitung zu einem komplexen Strategiespiel oder wie Treatments zu einer Serie von Action-Streifen. Insofern werden wiederaufgelegte Varianten einer solchen Studie eine sichere Zukunft haben.