Goldener Brief – Relikt der Wirtschaftskommunikation

In: Suite 101, Januar 2011

Seit dem 18. Januar 2011 ist der goldene Brief in der Leibnizbibliothek zu Hannover ausgestellt. Der in einen Elefantenstoßzahn eingelegte goldene Brief des birmanischen Königs Alaungphaya inklusive zweier englischer Übersetzungen traf 1758 in London ein. Das kommunikative Präsent, an den englischen König Georg II. entsandt, war zwei Jahre lang von Ostasien nach Westeuropa unterwegs. Der birmanische Monarch handelte in Perspektive initialer Wirtschaftskommunikation, vermutlich aus einer Zwangssituation heraus. Der mächtige Nachbarstaat China drohte Birma in Kriege zu verwickeln, mit Aussicht auf Annektion und Despotie. Auch England erweiterte seine kolonialen Besitztümer im 18. Jahrhundert.

Sinn und Zweck des goldenen Briefs

Präventionsbestrebungen könnten der Auslöser gewesen sein, als König Alaungphaya seinen mit 24 Rubinen veredelten goldenen Brief, eingelassen in Elfenbein indischer Elefantenstoßzähne nach London sandte. Der im Nordwesten Europas wenig bis gar nicht bekannte birmanische Monarch schlug dem königlichen Repräsentanten der Kolonialmacht England vor, das ostindische Königreich Birma zu einem englischen Handelsstützpunkt zu machen. Birma sollte demzufolge zu einem Mitgliedsstaat der Englisch-Ostindischen-Gesellschaft (später: Britisch-Ostindien-Kompanie) werden.

Trotz des pompösen Briefdesigns unterlief dem birmanischen König Alaungphaya, eventuell dessen Beratern, ein folgenschwerer Fehler. 1758 wurde im Londoner Palast der goldene Brief samt zweier englischer Übersetzungen aus dem Elefantenstoßzahn herausgezogen. Sein Inhalt musste Georg II. anhand der Übersetzungen bekannt gewesen sein, dennoch schenkte Georg II. Alaungphayas Anliegen keine weitere Aufmerksamkeit.

Königliche Missachtung im entfernten London

Verfroren und weltfern, mit keiner Aussicht auf Erfolg musste Alaungphayas edele Sendung auf Georg II. gewirkt haben. Als Handelspartner der Englisch-Ostindischen-Gesellschaft hätte Birma seinen autarken Status als Monarchie Ostindiens beibehalten. Sowohl das Drohen englischer (britischer) Kolonialisierung als auch chinesische Annektionsbestrebungen wären auf Weiteres gebannt gewesen, wenn Georg II. dem Anliegen Alaungphayas entsprochen hätte.

Erfolglose Kommunikationsstrategie im 18. Jahrhundert

Das prunkvoll verpackte Schreiben an Georg II. 1756 war vermutlich als raffinierter strategischer Gozug (vergleichbar dem Schach) gedacht gewesen. Alaungphayas Strategie, Birma als international verflochtenen Handelsstützpunkt zu empfehlen, schlug fehl. Seine Majestät Georg II. ließ sich nicht beeindrucken und übergab es in archivarischer Vorsehung der Hannoveraner Bibliothek.

Birmas Kolonialisierung im 19. Jahrhundert

Englands koloniales Interesse an Birma ließ keine achtzig Jahre auf sich warten. 1824 brach der erste englisch-birmanische Krieg aus, in welchem die ostindische Monarchie Birma sich zunächst erfolgreich den kolonialen Machtinteressen Englands widersetzte. Es folgten zwei weitere Kriege, bis Birma 1885 vollständig besiegt zur Kolonie Großbritanniens erklärt wurde.

Kurze Archivgeschichte des Goldenen Briefs

2006 erinnerte sich der luxemburgische Historiker Dr. Jacques Leider des archivierten goldenen Briefs in der Leibniz Bibliothek. Im Dezember 2010 gelang es nach 252 Jahren, die nur als Kopie bekannte Botschaft Alaungphayas an Georg II. von England zu entschlüsseln.

Was wäre wenn und die Frage der Kommunikationsverzögerung

Hätte König Alaungphaya 1756 weniger Aufmerksamkeit auf die pompöse Verpackung seines politisch sensiblen Goldbriefs verwendet, als auf die kommunikativ effiziente Zielfixierung im Sinne birmanischer Wirtschaftsinteressen zu achten, wäre die birmanisch-englische Geschichte möglicherweise anders verlaufen. So endete sie 1885 mit der birmanischen Kapitulation und anschließender Kolonialisierung.

Neben birmanischen Ambitionen der Kommunikationsaufnahme stellt sich die Rätselfrage, warum der goldene Brief in Zeiten sich entfaltenden Weltverkehrs per Schiff, Kurier- und Diplomatendienste zwei Jahre brauchte, um an den englischen Königshof zu gelangen?

Der Goldene Brief und die Geschichte Birmas/Myanmars

Der goldene Brief, nun entschlüsselt und ausgestellt, hat sein politisch-wirtschaftliches Anliegen, das Königreich Birma als englische Handelsniederlassung damaligen Weltwirtschaftskreisläufen anzuschließen, verfehlt und auch heutzutage nicht erreicht. Birma, das sich seit 1989 Myanmar nennt, wurde 1948 als unabhängige Demokratie aus der britischen Kolonialherrschaft entlassen. Seit den neunziger Jahren wird es von einer sich gegen den Rest der Welt sich abschirmenden Militärregierung beherrscht.