Vom sprachlichen Verfall und der Dominanz der Computer
(Hartmut Winkler, Docuverse. Zur Medientheorie des Computers. München: Klaus Boer Verlag 1997, 381 S.)
veröffentlicht Januar 1998
In den siebziger Jahren beobachtete Joseph Weizenbaum, daß sein elektronischer Therapeut „Eliza“ einen menschlichen Partner für Dialoge über seelische Probleme ersetzen könnte. In den achtziger Jahren konstatierte die MIT-Psychologin Sherry Turkle den Computern eine einfühlsame Wirkung auf Kinder. Die Geschichte des Computers als Wunschmaschine, der emotionale Fähigkeiten zugeschrieben wurden, ist jedoch keine Entdeckung der Computerforscher, sondern tief verwurzelt in unsere Kulturgeschichte. Wenn Computer mehr sind als Rechenknechte, so muß ihnen eine Art „Überschußpotential“ zugemessen werden, das in Träumen, Phantasien und Wünschen die menschlichen Verhaltensweisen in Beziehung zu dem elektronischen Medium motiviert. Computer sind gerade deshalb Vermittlungs- und Übermittlungsinstrumente der symbolischen Kommunikation. In seinem Buch „Docuverse“.
In "Zur Medientheorie des Computers“ konfrontiert Hartmut Winkler seine Leser mit Seiltänzen über die Beziehungen der informationsverarbeitenden Computer zur Sphäre des symbolischen Kommunikation. Winklers Fragestellung ist praktisch aus der Mitte der Rechnerwelt gegriffen: „Warum scheint notwendig immer mehr und immer kompliziertere Technik einzusetzen, nur um kleine, leichte Signifikanten zu handhaben und in immer neue Kombination zu bringen?“ Winklers Beantwortungsversuch ist frappant. Wir schaffen es nicht, das signifikative Überschußpotential, für das die elektronische Datenverarbeitung in ihren chamälionartigen Weltausrichtung Motor ist, sowohl sprachlich als auch psychisch zu vermitteln. Der Verlust von Identifikationsmustern, die helfen könnten, Bedeutungen und Kontexte zu erschließen, zeigt sich in exemplarischer Weise im Internet – vermutlich dem Prototyp eines Docuverse.
Das Docuverse, ein weltumspannendes elektronisches Archivsystem, in dem gerade auch die unbewußten Kulturleistungen registriert werden, bleibt theoretische Fiktion gegenüber der verschalteten Welt der Computer mit ihren Überschußpotentialen, ihrer frei flottierenden Signifikantenproduktion und den unregulierten Metaphoriken. Wenn eine allmächtige Computertechnologie die öffentlichen und privaten Sprachen unterwandert, Sinn und Bedeutung zu kontrollieren und Lebensweisen zu ändern beginnt, dann ist es nicht mehr weit, bis die machtvolle Technik zum menschlichen Naturersatz wird. Es scheint dann eher eine hilflose Alternative zu sein, das Wünschen und Begehren, als nichtbegriffliche, menschlich unvermittelte Instanzen, gegen die Omnipräsenz des Datenuniversums ins Feld zu führen. Dabei stellt es sich als bleibendes Manko des Buches heraus, daß sein Autor den Begriff des „Docuverse“, das gerade in Bezug auf die kommunikative Sphäre des World Wide Web und dessen Hypertextualität diskutiert werden könnte, gegen Ende mehr und mehr aus dem Blick verliert. Das vorliegende Buch ist keinesfalls leichte Lektürekost, aber hochbrisant, wenn es darum geht, gegen Technikeuphorie einen medienkritischen Kontrapunkt zu setzen.