Eine Welt. Zwei Welten. Viele Welten
In: Internet-Magazin, Kolumne Juni 1997
Alles spielte sich für die meisten seit zwei Jahren ab. Von der ersten Buchstabiererfahrung der magischen acht Zeichen „Internet“ bis zur Faustfrage zwischen Explorer und Navigator, zwischen Java und ActiveX-Controls. Zuerst verunsicherten uns, die wir auf den elektronischen Zahn der Zeit setzen, E-Mail-Bomben, Nazi-Propaganda und Kinderpornographie via Internet. Dann trösteten wir uns mit dem Gedanken, das seien alles flüchtige Randerscheinungen in den Turbulenzen der Technik-Hype. Denn das Gute wird siegen, die Aufklärung hat recht, ein jeder hinter seiner Tastatur wird im Mainstream der Innovation, das Gute tun und das Schlechte lassen. Nach zwei Jahren für die meisten, manche hängen auch schon seit den frühen siebziger Jahren am Tropf der digitalen Kommunikation wird aus dem Expansionsmedium Internet, das den Nutzern ein Informationsschlaraffenland weissagte, ein Begleitmedium, ein geschmähtes Medium, ein Ausfallmedium. So sehr sich auch das Wintel-Kartell und Gewährsleute versuchen, das Internet als Kommunikationsmedium allaround durchzusetzen, so sehr wird das Kommunikationsspielzeug Internet zwischen den politischen, wirtschaftlichen unde kulturellen Interessen derjenigen, die sich dafür ereifern, zerfasert.
ängst belegen Zahlen, daß bloß 2% der Computernutzer gelegentlich ins Internet hinein linken. Die kürzlich erschienene BAT Studie des Hamburger Instituts für Freizeitforschung bremst noch den verwegensten Internet-Enthusiasmus aus. In der Wissensgesellschaft neigen immer mehr zum Nichtwissen: der Informationssteigerung durch Ignoranz vorbeugen, im Kokon der eigenen Meinungen einspinnen und abwarten statt sich mit anonymen Technologien, auch wenn von ihnen gesagt wird, daß sie der Kommunikation auf die Sprünge helfen, auseinandersetzen. Das Internet braucht niemand zum Kommunizieren wie das Auto zum Fortbewegen. Es hat den Anschein des Fatalen, niemand braucht sich in ihm aufzuhalten, Browser starten, WWW-Seiten laden oder E-Mails verfassen, um zu wissen, was darin losist bzw. nicht losist.
Viele Unternehmen brachten es in der relativ kurzen Zeit von zwei Jahren zu ihrem Internet-Auftritt, zur virtuellen Public Relation-Präsenz mit Newsservice. Wo aber liegt nun noch die innovative Kraft, die dem Netz der Netze vorausgesagt worden ist? Man kann durch noch soviele Download-Areas streifen, noch so viele Informationsserver abgrasn und noch soviele E-Mails schreiben - das Internet bleibt ein Beschaulichkeitsmedium für jene zwei Prozent - ob in Deutschland oder weltweit - auf den heutigen Datenlandstraßen verkehren. Dabei spricht das Internet noch nicht einmal die besonders begabten und eloquenten Surfer und Surferinnen an. Während die einen Mittelmaß und Zeitvertreib vom Netz der Netz erwarten, befinden sich die anderen auf der Jagd nach Informationen, werden zu Jägern und Gejagten, versuchen Sicherheitschranken zu umgehen, Paßwörter zu fälschen oder die Oberaufsicht über all das informelle Treiben im Netz der Netze zu wahren. Schnell wird aus den Informationsspielen im Internet bitterer Ernst, wenn die Frage nach dem Universalschlüssel debattiert wird, der alle anderen Verschlüssungen aufheben soll - Bundesinnenminister Kanthers Sesam-öffne-dich für den BND.
Unter dem Deckmantel des Verbrechensschutzes im Computerbereich versucht da jemand Informationshoheit der Unternehmen und von Privatpersonen ushebeln – verschlüsseln lassen sich alle Informationen, solange der BND den Zweitschlüssel besitzt. Man stelle sich vor, wenn nun in Kanthers Staatssicherheitsdienst für digitale Speicherung die Geheimunterlagen von Hochtechnologiekonzernen als unverschlüsselte Zweitkopie archiviert würden. Düster kann ich mich noch an die Diskussionen der achziger Jahre um den „gläsernen Bürger“ erinnern, eine Diskussion, die sicherlich auch zu der weitverbreiteten Technikskepsis, wenn nicht Verdrossenheit beigetragen hat. Aber es hilft nicht.
Wenn schon die Ängste vor der unbekannten Welt der Technik und Information vor fünfzehn Jahren jeden emanzipierten Aufbruch lähmten, so ist das Niveau, auf dem die Diskussionen verlaufen, vielleicht ein anderer, nicht aber die Haltung der Unaufgeschlossenheit. Es ist keine Frage der Toleranz oder der Intoleranz, ob neue innovative Medien eine Gesellschaft ändern können, es ist keine Frage der rationalen Begründung, ob man für die eine technologisch ausgeleuchtet Welt der Neuen Medien votiert oder ob man einfach resigniert.