Am Nullpunkt der Kommandozeile
c't: April 2000
(Neal Stephenson: In the Beginning ... was the Command Line. New York: Avon Books 1999,151 S., 10$)
Am Nullpunkt war – und hier zögert der Autor Neal Stephenson und der Titel – die Kommandozeile, die Computern und ihren fehleranfälligen Betriebssysteme schon immer Leben einhaucht hat. Im Laufe der Jahre und der wechselnden OSe ist die initiale Zeichenkette länger und länger geworden, und inzwischen füllt sie ganze Buchseiten, wie der Nachdruck eines Linux-Bootstrings auf vier Seiten dokumentiert. Das vielsagende Zögern scheint die Existenzweisen aller zu beschwören, die in die Universen der Betriebssyteme einzudringen begehren und nun mehr oder weniger symbiotisch mit ihnen hausen. Seit der erste String Computer animierte, technisch imperfekte OSe zu booten, hält die Magie des Ausführens der Kommandozeile Autor und Welt in Atem. Der Essay des amerikanischen Cyberwriters Neal Stephenson ist zum einen eine Bilanzierung von zwanzig Jahren Nachdenken über Betriebssysteme. Zum anderen widmet sich Stephenson der Suche nach der menschlichen Existenz in programmierten Kontexten wie dem scheinbar zeitlos von Plattform zu Plattform Surfen, permanent auf der Suche nach der bestmöglichen Programmausführung. In metaphysischer Absicht stellt sich die Frage nach dem Betrüger-Gott, welcher der Computerwelt das Funktionieren inmitten von programmierten Baustellen vorgaukelt.. Als „Writer“ von Text- und Kommandozeilen begreift Stephenson sich in einer Doppelrolle. Als literarischer Autor schreibt er seinen Sätzen radikalen Sinn und Bedeutung ein:. „Es gibt einige feststehende Regeln in meiner Arbeit. Eine von ihnen lautet: wenn du einmal ein Wort geschrieben hast, kannst Du es nicht ungeschrieben machen.“ Als Nutzer der Folgen von Kommandozeilen ist er einerseits auf den „good will“ der Maschinen und OSe angewiesen. Andererseits fragt er sich, warum die chicen menügesteuerten Systeme immer wieder aus dem Ruder laufen und zieht eine gewagten Analogie: „Editor, Compiler und Linker sind für Hacker (synonym für Softwareprogrammierer), was Ponys, Steigbügel, Pfeil und Bogen für Mongolen waren. Hacker leben im Sattel und machen solange mit ihrem Programmierwerkzeug herum, bis sie eine neue Applikation fabriziert haben.“ Manchmal sind die Steine des Anstoßes so stabil wie das Debian Linux, öfters sind es aber Bankrotterklärung für ihre Programmierer, die von bodenlosen Marketingmaschinerien kaschiert werden. Anstatt sich auf das schriftstellerische Werk zu konzentrieren, hat Stephenson sich zeitweise spielerisch und intuitiv an die Erforschung der Kommandozeilen und GUIs („Graphic Unit Interfaces“) verloren. Während der letzten fünfzehn Jahre wechselten Computer und Betriebssysteme auf seinem wie auf vielen anderen Schreibtischen. Werbekampagnen, die programmierte Stückwerksarbeit erster OS- und Software-Versionen in das Bewusstsein der Welt hievten, kreierten supranationale Sprachsysteme. „Was wir wirklich kaufen, ist ein System vom Metaphern. Dabei wird unterschwellig vorgetäuscht, dass mit Metaphern sich gut leben lässt.“
Aber GUI-Systeme diskretieren sich technisch selbst. Stephensons Applephase war erledigt, als eine übergroße Datei auf der Festplatte seines Macs ausradiert wurde, so, als wäre sie nie geschrieben worden. Mit Windows, Linux und BeOS schließt er mehr oder minder unterkühlte Bekanntschaften. Im Endeffekt geht es nicht darum, für oder gegen welches OS man ist. Eine sublime Dialektik ist im Spiel, wenn Bill Gates als Wegbereiter des Erfolgs von Linux charakterisiert wird, mag man noch so viele Pinguine auf Tastaturen und PC-Gehäuse drucken. Einen Vorzug hat die Linux-Welt den übrigen OS-Hemisphären voraus: sie geht anders mit den Bugs in ihren Betriebssystemvarianten um und hat tauglichere Fehlerbehebungsstrategien wie FAQ-Listen oder Bug-Datenbanken entwickelt als die Konkurrenz. Legendäre Beispiele für lange tolerierte Bugs sind die debilen Fehlermeldungen des Mac-Finders. Erst spät entdeckte die durchkommerzialiserten Computerbranche, dass Bugs Kommunikation mit „frustrierten“ Benutzern und damit Profit bedeuteten. Die süffisanten Spätfolgen des Hackens am DOS-Prompt sind heute zum Big Business gereift. „In the Beginning ... was the Command line” ist der Essay eines Insiders, den nur jemand wie Neal Stephenson geschrieben haben kann, der die Evolution der Betriebssysteme seit ihrem Nullpunkt miterlebt hat. So liest sich der Essay als ein rares Dokument des Überwinters mit Computern und Betriebssystemen inmitten von programmierter Wirtschaft und Multimedia, das jeder lesen sollte, der sich die Frage stellt, ob Betriebssysteme und grafische Benutzeroberflächen in seinem Leben doch mehr bewirkt haben könnten als bloße Stringübergaben an der Kommandozeile.