Spritzkuren in interkultureller Kommunikation für Führungskräfte
In: Spiegel Online, Dezember 2001
Von Zeit zu Zeit treffen sich Teams der mittleren Führungsebene eines multinationalen Unternehmens zu einem Workout. Unvorbereitet sitzen sich französische und deutsche Manager, indische und chinesische Spezialisten gegenüber, die unerfahren sind im Verhandeln mit Gesprächspartnern fremder Nationalitäten. Interkulturelle Kommunikation beinhaltet Risiken, zumal, wenn im mehrkulturellen Verhandlungskontext Meinungen und Positionen unvermittelt durch Sprache, Herkunft und Tradition aufeinandertreffen. Höflichkeitsgesten könnten falsch interpretiert und zu einem falschen Eindruck führen. Falsch verstandene Gestiken können den abrupten Abbruch der Kommunikation bedeuten. Zahlreiche multinationale Konzerne begegnen der Gefahr gescheiterter Kommunikation ihrer Mitarbeiterstäbe und Manager durch Anschaffung zweier Softwareanwendungen, welche Führungskräfte auf Spritzkuren in Fragen interkultureller Kommunikation verpflichtet.
Mentale Fitness und habituelles Training in vielen Fragen der Zusammenarbeit zwischen multikulturellen Teams verspricht „Gulliver“ – eine ansprechend gestaltete Multimedia-Software, mit der sich viele Verhandlungssituationen zwischen mitarbeitenden und managenden Menschen unterschiedlicher Nationalitäten am digitalen Reißbrett analysieren lassen. Gulliver´s Clou – einer interkulturellen Trainingssoftware, der Jonathan Swifts entfesselter Riese den Namen leiht – besteht darin, komplexe Kommunikations- und Handlungsszenarien zwischen zwei „Kulturen“ oder „Nationalitäten“, wie sie im Managementzusammenhang auftauchen können, auf dem Desktop durchzuspielen. In den Szenarien geht es um die Analyse so unterschiedlicher Aspekte wie der Entscheidungsfindung, dem Zeitmanagement oder der Interpretation von Körpersprachen von Gesprächspartnern aus zwei von siebzehn Nationalitäten.
Ein Szenarium, das in Gulliver eingangs definiert wird, entfaltet sich als Netzwerk aufeinander bezogener Attribute. Es ist nun Aufgabe des Analysten, durch Erprobung der unterschiedlichen Positionen, die sich in der kulturellen Fixierung der Teilnehmer äußert, Attribute zu filtern, welche die konkrete interkulturelle Arbeitssituation zu meistern helfen. Je nach Einstellung, Motivation und Nationalität dominiert das eine oder andere Attribut die konkrete Situation. Das „Situations-Menü“ in Phase 5 schlägt Folgerungen aus dem interkulturellen Planspiel vor. Anhand der Software kann z.B. die Situation eines Meetings zwischen Deutschen und Indern analysiert werden, das geprägt ist von gegenseitigen Sprachproblemen und der Aufgabe gemeinsamer Entscheidungsfindung. Gulliver rät den „multi-aktiven, dialog-orientierten“ Indern und den „linear-aktiven, daten-orientierten“ Deutschen zu unterschiedlichen Handlungsmustern, um die kommunikative Situation erfolgreich zu bestehen. Das indische Team hätte die besten Erfolgsaussichten, wenn es die verhandelte Sache unter verschiedenen Blickwinkeln analysiert und die Resultate selbstbewußt kommuniziert, während das deutsche Team am gefaßten Plan festhalten und auf Entscheidungsfindung drängen sollte. Weil das indische Team an internationalen Kontakten interessiert sei, würde es sich kooperativ und nachgiebig zeigen.
Zahlreiche interkulturell-kommunikative Szenarien meistert Gulliver innerhalb einer Stunde und voller prägnanter Ratschläge für wirtschaftlichen Erfolg begehrende Adepten, selbst dann, wenn sie sich nicht mehr anders aus der vermeintlich drohenden kommunikativen Falle („communication gap“) zu winden wissen. Zweifel ist allerdings anzumelden, ob die englischsprachige Software, die von dem prämierten Kommunikationstrainer Richard D. Lewis als Joint Venture mit der Unternehmensberatung Pricewaterhouse-Coopers hergestellt wurde, erfolgsverwöhnten Managern den Faux Pax in multinationalen Verhandlungsszenarien ersparen kann.
Wer noch Nachholbedarf an geregelter Kommunikation mit ausländischen Gastgebern hat und seinem geschäftsmäßigen Benimm auf internationaler Bühne einen konventionellen Schliff geben möchte, greift auf den „Cross-Culture Assessor“ „Promentor“, von Richard D. Lewis und einem finnischen Unternehmen, zurück. In zwei einführenden „World Quizzes“ prüft die web-basierte Multimediaanwendung, ob man z.B. firm darin ist, in welcher Farbe Japaner trauern, mit welcher Hand Moslems niemals essen oder was das Lieblingsgetränk der Iren sei. Wer den Einstieg noch als leicht empfunden hat, kann sich in mehrstündigen Sitzungen mit diffizilen Aspekten des Arbeitsethos, des Lernvermögens oder des Führungsstils von Menschen unterschiedlichen Kulturen auseinandersetzen und von „Promentor“ seine individuelle Wissensbasis in Fragen interkultureller Kommunikation bepunkten lassen. Verwechselungen von Nationalitäten und Verhaltensmustern können beim Versuch trotzdem nicht ausgeschlossen werden, das erlernte Promentor-Wissen in der interkulturellen Praxis anzuwenden.