Robert T-Online – der Avatar läutet den T-Online-Börsengang ein

In: Frankfurter Rundschau, April 2000

Für den Börsengang von Europas größtem Internet-Provider T-Online haben sich die Manager des Ex-Staatsunternehmens etwas ganz besonderes einfallen lassen. Seit Wochen polarisiert der strohblonde Yuppie Robert T-Online im blauen Nadelstreifenanzug die TV-Werbespot schauende Fernsehnation. Auf die einen wirkt der Kunstmensch Robert T-Online imperfekt und widernatürlich. Die anderen schätzen die lockeren Sprüche und können gar nicht Abwarten, die Aktie, für die der „Presenter“ wirbt, zu zeichnen. Die Anforderungen an den Herstellungsprozess des virtuellen Blondschopfes sind hoch gesteckt.

Die radelnden Zahlen im „Tour-de-France“-Spot der Deutschen Telekom, der wasserdurchsichtige Mr. Sodastream oder der schalkhafte Löwe Simbaleo im Musikvideo der Popgruppe Mr. President. Der neuste Wurf der Hamburger Produktion Spans & Partner ist der Kunstmensch Robert T-Online.

Das Konzept für den Avataren wurde von der Düsseldorfer Werbeagentur Citigate SEA entwickelt. Die Arbeit an einem virtuellen Charakter, berichtet Regisseur und Geschäftsführer Peter Spans, beginnt mit der Entwicklung einer Charakter-Beschreibung. Das ist bei Spans & Partner ein Katalog von etwa vierzig Fragen an Robert T-Online, die dann aus Sicht des Kunstmenschen beantwortet wurden. Aus den Antworten leiten sich Charaktereigenschaften ab, eine sogenannte „Bibel“ entsteht. Dann wird ein Schauspieler gesucht, der die Rolle Roberts perfekt in Mimik und Gestik übersetzen kann. Die Wahl fiel auf den Schauspieler Matthias Kostya, der in Vollmaske und Kunststoffanzug Robert sein gestisches und mimisches Profil verleiht. Es folgt der Realdreh mit Robert T-Online. Mit „Motion Control“-Kamera, Laser, extremer Maske und Kostüm wird der Grundstein für die digitale, aber vor allem lebendig wirkende Figur geschaffen. Da es beim Dreh in jeder Phase auf das schauspielerische Moment ankommt, ist es Robert T-Online möglich, jede noch so spontane Verhaltensweise umzusetzen. Am Set arbeiten neben dem Regisseur Peter Spans der Schauspieler Kai Wiesinger als Co-Regisseur. Ein Special Effects Maskenteam aus London - die Sherman Laboratories - erstellten vom Original-Gesichtsabdruck des Darstellers. Mehrere Latexmasken, Ganzkopfmasken und einen Kieferabdruck von Roberts Gesicht wurden von Aaron Sherman (Special Effects Makeup Artist bei u.a. „Brazil“) geschaffen. Allein das Anlegen der Latex-Ganzkopfmaske dauerte mehrere Stunden.

Nach dem Realdreh wird das Material in extremen Einstellungen schnell gegeneinander geschnitten, um den Bewegungsfluss des Darstellers elektronisch gefiltert erscheinen zu lassen. Über Einzelbildbearbeitung an zwei Spezialcomputern wird die Haut von Robert geglättet. Über viele sogenannte „Morphs“ (nahtloses Verschmelzen von zwei unterschiedlichen Szenen) werden Einstellungen von Robert so verbunden, dass Bewegungen entstehen, die für einen Menschen kaum ausführbar sind – ein Indiz für Robert T-Online´s übermenschliches Erscheinungsbild. Ein wichtiger Punkt für die Intensität der Figur sind die extrem blauen Augen und die weißen Zähne, die ebenfalls digital erzeugt sind. Ob aber die Forderung „mach, dass die Leute ihn lieben“, sich erfüllt, wird sich letztlich am Erfolg des Börsengangs von T-Online messen lassen.

Wer in Robert T-Online einen Sympathieträger sehen will, sucht lange. Gestik, Mimik, floskelhafte Rede – alles an ihm sitzt bis auf das I-Tüpfelchen perfekt. Das abgeklärte Auftreten und die übermenschliche Perfektion von Robert T-Online schaffen Distanz und Unbehagen bei uns TV-Zuschauern. Mit jeder Regung seines virtuellen Lebens scheint der Kultstatus von dem Presenter abzubröckeln, den das Team um Peter Spans kreieren wollte.

Dabei hat Robert T-Online vom Aussehen her ein frühes Vorbild in Max Headroom. Das virtuelle Leben von Max Headroom begann 1984, als es weder Motion-Control-Kameras noch Grafik-Workstations gab. Nach dem Vorbild einer Komikfigur sollte Max Headroom im britischen Sender Channel Four Musik-Videos anmoderieren. Max Headroom fand damals eine große Anhängerschaft, aber seine Existenz war niemals elektronisch, sondern mit damaligen Produktionsmitteln des Fernsehens vorgetäuscht. Der Schauspieler Matt Frewer schlüpfte in die Rolle des Möchtegern-Avatars und spielte für das damalige TV-Publikum den witzig-moderierenden Kunstmenschen so perfekt, dass sein Kultstatus bis heute anhält. 1987 wird Matt Frewer alias Reporter Edison Carter alias Max Headroom im gleichnamigen amerikanischen Spielfilm zum Leinwandhelden. In 14 Episoden zeigt der Spielfilm eine totalitäre Orwell-Welt, die von einem riesigen TV-Netzwerk beherrscht wird. Der einflussreiche Nachrichtenreporter Edison Carter verwandelt sich beim Versuch, eine computer-generierte Persönlichkeit zu schaffen, in den Kunstmenschen Max Headroom und mutiert zum Terroristen wider das TV-Netzwerk.

Max Headroom, dem Ahnen aller Avatare, spielte sich in die Gunst der TV-Zuschauer, weil in der künstliche Hülle das Menschliche zum Ausdruck kam. Robert T-Online strahlt in der menschliche Hülle das Übermenschliche aus. Aalglatt, spöttisch, angeberisch, ohne augenscheinliches Charisma – einen solchen Avatar hat die Welt noch nicht gesehen. Der ungezügelte Wesensmix, der den Avatar zum Übermenschen macht, könnte Robert T-Online doch noch Kultstatus verheißen.