Schach und das global Gehirn. Eine Beitragsskizze

In: c't, Oktober 2001

Seit die Grundlagen des modernen Schachspiels durch viele Meister früherer Tage definiert wurden, hat sich die Kunst der Beherrschung des Spiels auf vierundsechzig Felder stetig fortentwickelt. Immer wieder traten in der Schachgeschichte Spielerpersönlichkeiten wie Aleksander Aljechin, Bobby Fischer oder Garry Kasparov auf, die durch ihr einzigartiges taktisches Gespür, durch virtuoses Positionsspiel oder waghalsige Opferbereitschaft die innere Entwicklung des Schachspiels vorantrieben, Schach- und Denkschulen begründeten und die Leistungsmerkmale für qualifiziertes Schachspiel auf eine höhere Stufe stellten.

Dass es immer wieder Spielerpersönlichkeiten gab, die eine Generation von Schachspielern neue Ideen und Spielweisen lehrten, ist eine Seite der Medaille. Auf der anderen wird die Geschichte der Vermittlung schachlichen Wissens vorangetrieben. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte zwar die Überzeugung, dass meisterliches Schachspielen eine Geniekunst sei, die nur von auserwählten Einzelnen beherrscht werden könne. Alles andere aber ist der Fall, denn so alt wie das Schachspielen selber, ist das Nachspielen und Nachanalysieren von aufgezeichneten Partien. Viele Schachspielergenerationen suchen ihr Glück im Studium von gespielten Meisterpartien der Schachgeschichte und im Training von Schacheröffnungen, verbessern ihre schachliche Intuition und Spielstärke. Je leichter aufgezeichnetes Schachwissen zugänglich wurde, desto transparenter wurde auch die Rekonstruktion, Nachahmung und talentierte Variation meisterlichen Spielens.

Die elektronische Erfassung der Partien vieler gespielter Turniere, ihre bewertende Dokumentation in voluminösen Partiesammlungen und Spezialdatenbanken bewirkte ein übriges, um schachliches Wissen transparent und nutzbar zu machen. Jede dokumentierte Partie, die z.B. als Eröffnung nach den Informator/News-In-Chess-Schlüsselsystemen klassifizierbar ist, kommt in der wechselhaften Entwicklung des Turnierspiels als Partikel/Baustein in Betracht, der eine neue Sichtweise, eine andersartige Stellungsbeurteilung nahelegen kann. So kann es keine zwei Partien geben, die einen identischen Spielverlauf nehmen (Ausnahmen bestätigen die Regel, z.B. Kurzpartien, die Remis gegeben werden). Insofern bilden alle Schachpartien zusammengenommen einen dem Global Brain ähnlichen Organismus, der nach Regeln funktioniert, die sich durch Neuerungen, Stellungsabweichungen, offensichtlichen Fehlern etc. stetig fortentwickeln.

Nach welchen Regeln eine Schachpartie funktioniert, kann durch den Einfluss der elektronischen Medien nach Methoden der Mustererkennung beschreiben werden. Eine Schacheröffnung ist z.B. eine definierte Folge von Zügen von Weiß und Schwarz, aber auch ein Stellungsmuster nach einer bestimmten Zügezahl. Durch die überragende Entwicklung auf dem Sektor der Schachsoftware und der Schachdatenbanken hat jeder Spieler heute die Möglichkeit, das Schachspiel durch geeignete Schachsoftware anders zu erlernen und sogar zu beherrschen als es früher der Fall gewesen ist. So bietet es sich an, Schachpartien nicht als Objekte des Verstehens anzusehen, welchen Sinn ihre Urheber verfolgten, sondern als Aufeinanderfolge von Stellungsmustern, deren Wahrnehmung ein bildliches Gedächtnis voraussetzen. Man braucht z.B. nicht mehr die Tschigorin-Variante der Spanischen Verteidigung zu erlernen, sondern kann einfach eine identische Stellung auf einem virtuellen Brett aufbauen. Die Datenbank ermittelt den passenden Eröffnungsnamen, den Klassifikationcode, mögliche alle schon einmal gespielter Abweichungen und die Stellungsbewertung in schachüblicher Symbolschrift. Statt zu verstehen, werden Stellungen analysiert und permanent bewertet, wie bei einem Schachcomputer. Schachspielen bekommt die Faszination analytischen Denkens wie bei einem Schachcomputer/pogramm, nur mit menschlichen Mitteln.

Das Internet bildet für den Bereich des Schachspiels ein Global Brain – einen (Super-)organismus schachlichen Wissens und Information, der mit jeder gespielter Partie weiter wächst und sich aus den Intuitionen, dem Können und dem Versagen von Millionen von Schachspielern speist. Dieser Organismus wächst als Forum sozialer Interaktion, da jeder talentierte Schachspieler, indem er oder sie, eine oder eine Serie von Partien spielt, sie dem Organismus faktisch zur Verfügung stellt. Der Partieverlauf und evt. die Kommentierung können aus dem Organismus von überall und jederzeit mit einfachen elektronischen Mitteln abgerufen werden. Es entsteht eine Art Informations-Feedback, da jeder Interessierte, gleich welchen Spielniveaus, aus den gespielten und im Global Brain aufbewahrten Partien Impulse für neue Schachideen und Partieverläufe ableiten kann. In diesem Sinne bedeutet das Global Brain eine Intelligenz-Verstärkung, da es schachliches Wissen zum individuellen Training und Spielstärkeverbesserung abrufbereit aufbewahrt. Die Mechanismen der Aufbewahrung können heute noch relationale Datenbanken sein. Morgen können es schon Multimedia-Datenbanken sein, die Partiestellungen zu Mustern verdichten und ein bildliches Gedächtnis – wie es früher vielleicht nur Großmeister besaßen – beim Anwender voraussetzen, der sein schachliches Denken trainiert.

Vorausgesetzt, die These stimmt, dass die Sammlung schachlichen Wissens im Internet eine Anwendung für das Global Brain sei, dann haben sich mit dem Zugang zu dieser speziellen Information die Schachgeschichte hindurch die Formen der Wahrnehmung und der intellektuellen Beschäftigung auf diesem Gebiet verändert und evolutiv den technischen Möglichkeiten angepasst. Durch die Digitalisierung des Schachspiels ist zu einer Technik intelligenter Informationsverarbeitung gereift und ist weniger eine Frage des intensiven Partieverstehens. Die technische Aufbereitung schachlichen Wissens bewirkte bis heute nicht nur einen effizienteren Zugriff auf das dokumentierte Partiematerial, bessere Vergleiche und schnellere Auswertungen, sondern auch eine größere Transparenz von Spielideen in vielfältigen Situationen.