Auszug aus "Rätsel der Vergangenheit" - Unveröffentlichtes Romanmanuskript

Greifenfall hatte sich innerlich beruhigt, nur so waren Abend und Nacht gerettet. Morgen  würden andere Aufgaben auf ihn warten. Da es noch nicht Zeit war, zu Bett zu gehen, griff er wahllos ins CD-Regal und angelte eine quadratische Kassette aus dem stattlichen Angebot heraus, das in zwanzig Jahren sich vielfältig zusammengesammelt hatte.   Irgendetwas wollte er hören. Was? - war ihm egal. Ohne einen Blick darauf zu werfen, was er da ergrapscht hatte, öffnete er die Kassette und legte die CD ins Laufwerk. Nachdem er den Abspielknopf betätigt hatte, setzte er sich in den daneben stehenden Sessel, legte die Beine hoch und schloss die Augen, um der Musik zu lauschen. Oft legte er Musik auf, wenn er abends, nach einem langen Arbeitstag nach Hause kam. Manchmal wachte er erst so gegen vier Uhr morgens auf der Couch auf. Da war es fast zu spät für ihn, ins Bett zu kriechen, denn um sechs Uhr, also in zwei Stunden, rasselte der Wecker.

Die ruhigen Klängen einer Trompete, welche von Bass und Bläsern begleitet wurde, erfüllten den Raum mit atmospährischer Traurigkeit - einer Melancholie, die seinen Sinn nach Entspannung befremdete. Sich fragend, was er nun wieder aufgelegt hätte, warf er einen energischen Blick zum CD-Player. Die starken Impulse, die der unvergleichliche Rhythmus dieser Jazzklänge wandelten Abneigung in interessierte Neugier. Denn er erinnerte sich nicht, diese in die Tiefe der Seele steigenden Klänge jemals gehört zu haben. Trotzdem, die CD entstammte seinem Regal?
So knipste er das Lämpchen neben sich auf dem Wohnzimmertisch an und griff nach der leeren CD-Kassette, um nachzulesen, wen er gerade hörte.
Das CD-Cover war in den umgekehrten Deutschlandfarben gestaltet: gelb, rot und schwarz. Der gelbe und der rote horizontale Streifen waren etwa gleich groß. Der schwarze Saum unterhalb der roten Farbfläche betrug etwa nur ein Drittel der gelben und roten Flächen. Das Gelbe, Rote und Schwarze, alles kräftige Töne, wurden durchquert von weißen Flecken hier und da, die sich an der Grenzlinie zwischen gelb und rot häuften und sie dadurch unregelmäßig gestalteten. Links, mit dem Kopf bis zu den Beinen im Gelben, mit den Füßen aber im Roten stehend, stand die etwas nach hinten gebeugte, schwarz gehaltene und von weißen Strichen angedeutete Kontur eines Trompeters. Auf gleicher Linie, von rechts kommend und erheblich kleiner, war die schwarz ausgefüllte Kontur eines Stiers zu sehen, dessen Hörner sich gegen den Schriftzug neigten, der in versalen Lettern nichts anderes als die fünf Buchstaben MILES zeigte. Darunter, im roten Bereich  waren in non-versaler Schrift und in einer anderen, breiteren Type in Serifen, aufgeteilt in zwei Zeilen, "Sketches of Spain" zu lesen, der CD-Titel. Unter dem Titel standen in gleicher Type, aber in deutlich kleinerer Schriftgröße in englischen Worten: arranged and conducted by Gil Evans.

Greifenfall hatte sich eine Kassette der beiden Großen des Jazz der sechziger Jahre, Miles Davis und Gil Evans, geschnappt. Greifenfall griff nach der Kassette und entnahm ihr das Begleitheftchen, um darin zu erstöbern, wer alles diese wundervollen Klänge intonierte.

Gleich auf der ersten Seite wurde Greifenfall mit der ziemlich aufwendig gestalteten Besetzungsliste konfrontiert. Soeben klang aus den Boxen eine metallen klingende Snare-Drum, die von einer Fanfare begleitet wurde - die Ironie einer Marschmelodie, welche unter dem Titel „Song of our Country“ im melancholisch stimmenden Trommelwirbel auslief.

Wer einmal mit Miles Davis oder Gil Evans gespielt hatte, den verlor niemand so schnell nicht aus dem Gedächtnis. Mit den rhythmisch getragenen Tönen des „Concerto de Aranjuez“ im Hintergrund durchkreuzten Greifenfalls Augen die  Besetzungsliste dieser optischen Herausforderung im Quadrat.  Sämtliche Instrumente schienen vertreten zu sein, die der Bebop-Jazz kennt: Miles Davis’ Trompete, Flügelhorn, Oboe, Klarinette, Posaune, Saxophon, Klavier und Schlagzeug. Viele Namen der verzeichneten Mitspieler kannte Greifenfall aus späteren Aufnahmen. Andere wiederum nicht! Wie auch? Die Urfassung der Aufnahme war fast vierzig Jahre alt!
Ein Name auf der Besetzungsliste kam ihm sonderbar bekannt vor? In einem anderen Kontext erinnerte er sich, ihn schon einmal gehört zu haben. Elvin Jones? Natürlich! Die Hofgehilfin Grit Mangold hatte das Schlagzeugspiel des jungen Lennartz mit dem von Elvin Jones verglichen! Nur, auf dieser Seite war Jimmy Cobb als Schlagzeuger und Elvin Jones als Percussionist aufgeführt? Gab es da einen Unterschied?  Wenn ja, liess er sich im Rahmen der Mordaufklärung vernachlässigen? Wenn Grit Mangold Elvin Jones spielen gehört hatte, kannte sie vielleicht auch die Aufnahme von „Sketches of Spain“ und noch weitere Aufnahmen, auf denen Elvin Bishop als Schlagzeuger mitgewirkt hatte? Zu einer Hofgehilfin, die sich auf einem norddeutschen Bauernhof abarbeitete, schienen tiefere Jazzkenntnisse wenig zu passen?  Gedankenübermächtigt schaltete Greifenfall den CD-Player ab. Eine Note macht keinen Sound. Der Percussionist schlägt den ersten Ton zur Mordaufklärung.