WAGNIS DES GEDICHTS ODER DICHTERISCHES WAGNIS?

Hölderlins Ode Die scheinheiligen Dichter

Eröffnungsrede zur Ausstellung "Die scheinheiligen Dichter". Nichtlineare Audio/Video-Montage zu dem gleichnamigen Gedicht von Friedrich Hölderlin, gehalten am 13.2.1997 in der Kunsthalle Bremen

Friedrich Hölderlins Ode Die scheinheiligen Dichter gibt ihrem Leser aus mehreren Perspektiven Rätsel auf. Das zweistrophige Gedicht entstand 1798. Hölderlin sandte es mit elf weiteren Oden an seinen Freund Neuffer, den Herausgeber des Almanachs Tagebuch. Hölderlins letztes Gedicht des Oden Zyklus, und ein weiteres Gedicht, Menschenbeifall, verweigerte Neuffer die Veröffentlichung. Eine Begründung für die vorbehaltliche Absage findet im freundschaftlichen Briefwechsel zwischen Hölderlin und Neuffer keine Erwähnung. Über die unzumutbare Zumutung des lyrischen Themas zieht ein Nebel der Diskretion. Dass Neuffer trotz seiner unausgesprochenen Bedenken die Scheinheiligen Dichter in das Tagebuch für das Jahr 1800 aufnahm, macht die Publikationsgeschichte dieser nachgetragenen alkäischen Ode interessant. Was könnte den Herausgeber bewegt haben, die zwei Odenstrophen einer wenig spektakulären Publikation in einem Almanach vorzuenthalten? Chronisten berichten, dass auf Insistieren Hölderlins Neuffer nachgab und Die scheinheiligen Dichter der literarischen Öffentlichkeit des Jahres 1800 in die spätere Ausgabe des Tagebuchs zur Lektüre mitgab.

Das Heikle des Gedichts, das sich dem Leser Neuffer entzifferte, milderte sich durch Engagement des Dichters. Hölderlin, der für seine Veröffentlichungen als Dichter sich verausgabt, polemisiert im Odentitel gegen ein Phantom. Auch wenn Hölderlin in den Scheinheiligen Dichtern einen Ton findet, der vom Lyrismus des Hyperion entfernt, aber sich den kulturhasserischen Tiraden der späteren Empedokles-Fassung annähert, so bekundet sich in dem Gedicht doch eine poetische Kraft, die sich in Hölderlins Stilistik widerspiegelt. Eben darum macht es das Gedicht so schwer, in der dichterischen Aussage zeitkritische Akzente zu bestimmen. Von wem könnte sich Hölderlin durch den scharfen Odenton abheben wollen? Welche Dichterkollegen ziehen den Vorwurf der Scheinheiligkeit des unzeitgemäß Dichtenden auf sich? Diese und andere Fragen müssen mit Vorsicht bedacht werden. Oder legt Hölderlin in seinem Gedicht selber Fußangeln und Fallstricke aus, um einen Realitätsbezug vorzutäuschen?

Dass Hölderlin wegen der Veröffentlichung seiner Dichtungen in eigenem Interesse insistierte, ist eher untypisch. Ein Handeln im Eigeninteresse, eine Haltung a corrige la fortune wirkt eher befremdlich, es ist kaum zu erwarten von dem Dichter des Schicksals, dem auch Heidegger Lebensuntüchtigkeit nachsagt. Es ist nicht überliefert, mit welchen Gründen Neuffer Die scheinheiligen Dichter zunächst ablehnt, aber es gibt auch keine Briefstelle Hölderlins, in der er Neuffer zu einer Veröffentlichung drängt. In die Monate vor der Jahrhundertwende sind Hölderlins erste literarische Erfolge datiert, Monate zurück liegt die Trennung von Susette Gontard, der idolarisierten Geliebten, welcher der Romancier Hölderlin im Hyperion ein fragiles Denkmal setzte. Neben Ge- dichten für Neuffers Tagebuch publiziert Hölderlin zwei Oden im Musenalmanach, der von Schiller herausgegebenen wird. Erste Rezensionen stellen sich ein, Schiller, August Schlegel und andere attestieren Hölderlins Dichtungen ästhetisches Empfinden, Geist, ja, Seele. Der unzeitgemäße Odendichter wird prominenter, da schickt es sich kaum, diskreditierende Adjektive zu verwenden, die die erlauchten Angeredeten eher frappieren. mag es Neuffers Herausgeberansicht gewesen sein oder nicht.

Hölderlin feiert literarisch auch ohne editorische Betulichkeiten einen bescheidenen Aufstieg, seine Briefe an die Mutter geben Zeugnis davon. Auch bei Goethe hat er schon vorgesprochen, der ihm riet: „kleine Gedichte zu schreiben". Kleine Gedichte sind aber nicht nach Art Hölderlins. Hölderlin liebt die klassischen Formen, die ihn schließlich auch berühmt gemacht haben, die Hymnen, die Elegien und Oden.

Ein Gedicht, dazu noch eine ehrfurchtgebietende Ode, als Zufallsbekanntschaft? Was mag also den vorbehaltlichen Leser Neuffer bewogen haben, die Scheinheiligen Dichter zunächst auszusondern? War es verlegerische Taktik, die erkannte, dass sein Freund mit einem solchen Inhalt nicht vor den Zeitgenossen reüssieren konnte? Was ist das Unzumutbare dieser acht rhythmisch so exakt gebauten Zeilen? Lauter Fragen stehen um dieses Gedicht herum und es ist, wie bei keinem Gedicht Hölderlins leicht, Antworten darauf zu finden. Als Hölderlin mit den Scheinheiligen Dichtern an die Öffentlichkeit treten wollte, steht die Ablehnung, eine Ablehnung, die unmotiviert sein mag, wir wissen es nicht. Bei der Neuentdeckung des Gedichts steht die Anerkennung, das Aufgreifen des Inhalts aus der Serialität der suchenden Lektüre und das Verwandeln des Texts in ein Szenarium, das von der Videokamera festgehalten, durch digitalen Schnitt fragmentarisiert und durch den Prozessor acceleriert wird. Beides mal sind es Blicke auf den Inhalt, der Skandal des Gedichts geschieht durch die Wörter, in ihnen buchstabieren sich die Geschichten zwischen Anerkennung und Ablehnung. Sind es die Wörter wie das Adjektiv „scheinheiligen“, das Substantiv „Heuchler“ oder die Namensnennung „Helios“, die die umherschweifende Lektüre des Lesers auf sich ziehen? Im Gedichtganzen figurieren diese Wörter sinnkonstitutiv, in Hölderlins Gedankenwelt werden sie neologistisch eingeführt: Komposita wie „scheinheilige Dichter" oder „kalte Heuchler" frappieren eher. Wer fühlt sich angesprochen? Außerhalb der irrlichtierenden Atmosphäre des Gedichts wird kein anderes, keine Wirklichkeit außerhalb der poetischen, entfaltet. Wer sind die scheinheiligen Dichter, wer die kalten Heuchler, wer der Donnerer und wer Helios?

Wer Hölderlins Dichtungen ohne den pathetischen Klang in der Stimme, der ihnen gerne beigegeben wird, liest, wird aufmerksam auf die erzählerische Absicht und die thematische Aussage der lyrischen Dichtung. Auch wenn das ästhetische Ensemble, das ein Leser in den Gedichten vorfindet, entfernt und befremdlich scheint, so inszeniert ein Gedicht Hölderlins doch oft einen Inhalt, der Vergangenes und Gegenwärtiges in Beziehung bringt, Konflikte aufzeigt und Reflexionsräume schafft. Ein Hölderlin-Gedicht reduziert sich niemals nur auf ästhetische Phänomene der Form, sondern öffnet sich der Inhaltsdimension kontrovers, bringt Form und Inhalt zum Sprechen, spitzt die vermeintliche Dimension des Sinns überraschend zu. zeigt die versteckten Zäsuren und gibt so eine Illustration für das Wagnis des Gedichts. Ein Beispiel für ein solches Wagnis des Gedichts liegt uns in den Scheinheiligen Dichtern vor.

Zu viele Fragen, für die keine Identifikationsmuster angeboten sind. Hölderlins „kritische“ Ode Die scheinheiligen Dichterüberfällt seine Leser mit Wut, Tirade und einem Verbot, gegen die, die nur im Titel, vermutlich durch den Dichter Hölderlin, der anonyme Dichter kritisiert, genannt sind. Dichternamen zu nennen, denen Hölderlin sein streng gebautes Opus durch Unterschrift gewidmet haben könnte, wäre nach der Weimarer Klassik keine Verlegenheit. Doch wer versucht schon mit einer Diffamierung zu reüssieren? Hölderlins Dichter sind Phantome, nicht aber so deren transparentes Gegenbild, Helios, der Sonnengott in der griechischen Mythologie. Wer ist Helios, den Hölderlin emphatisch in der zweiten Zeile der ersten Strophe einführt und dadurch seinen Text für ein Ensemble mythischer Figuren und Anspielungen öffnet? Wenn es um griechische Mythologie geht, sind moderne Leser sowohl auf Überlieferungen als auch auf Vermutungen und Ahnungen angewiesen, nichts, das in der Analyse hinlänglich er- schöpft wäre, vieles bleibt konstruiert, durch die Nennung des Namens und die Anreden inszeniert sich ein Spiel mit Dichter, Namen Anspielungen und der Natur.

Richten wir den Blick auf die zweite Zeile der ersten Strophe. Durch das Ausrufzeichen enthält die Zeile eine Zäsur: „Ihr habt Verstand! ihr glaubt nicht an Helios, (...Y und die anderen mythischen Gestalten). Die poetische Logik der Sinnaussage ist paradox, zunächst unaufgeschlüsselt. Offenbar setzt der Dichtende die Welt der griechischen Mythologie antithetisch gegen eine kalte, heuchlerische scheinheilige Poetik des Verstandes. Mehr können wir nicht sagen, wir kennen keine Zeugnisse für eine Poetik des Verstandes, und wenn, so bleibt es uns vorbehalten, zu denken, was so sei. Trotz Nennung eines solchen pejorativen Attributs, wie kalter gibt es weder Nachweise noch eindeutige Zuschreibungen. Diese Offenheit ist es, die die Wendung zur Natur in den Schlusszeilen des Gedichts ermöglicht. Zurück aber zu der antithetischen Gedichtzeile, die wechselseitig Verstand und Götter- glaube ausschließt. Mit der Nennung „der Götter", von „Helios“, dem „Donnerer“ und „Meergott" zitiert Hölderlin ein mythisches Ensemble und installiert überliefertes mythisches Wissen als eine Art poetischen Erkenntnisrahmen. Insofern schwächt sich die attackierende Rhetorik der beiden Anfangszeilen ab, der Ton mildert sich und findet beinahe zu einem hymnischen Ausklang zu Ende der zweiten Strophe: „Mutter Natur! so gedenkt man deiner.“ Im Voranschreiben des Gedichts verliert der polemische Anfangston an Wirkung - die Spannung entweicht in Gleichmaß kurz, dann ein Bild des Schreckens „Todt ist die Erde" und nachgetragen die ziemliche unintendierte Frage „wer mag ihr danken?" –Gedankenstrich-. Wohin aber soll das durch den Gedankenstrich animiertes Denken führen?

In der zweiten Strophe hat die Rhetorik des Gedichts gewechselt. Nicht mehr sind es die scheinheiligen Dichter, die geschmäht werden. Der Ton hat sich beruhigt, der Erdentod ist ausgeblieben, die poetische Dramatik löst sich auf in zuversichtliche Götterpreisung. „Getrost, ihr Götter"! heißt es zu Beginn der zweiten Strophe. Vergessen sind die scheinheiligen Dichter, vergessen ist die kalte Rationalität, das lyrische Ich findet zurück zu seinem hohen Ton. Das Gedicht ähnelt mehr einem Brief, es hat Widmung und Unterschrift, aber die Angeredeten verharren in ihrem unentschlüsselbaren Inkognito.

Den Statisten vor dem aufdringlichen Auge der Videokamera entzieht sich dieses Aufhebensmachens um die Wörter. In der Wortliste, mit der sie spontan konfrontiert werden, fallen ihnen die alten gravitätischen Wörter ins Auge, mehr als die Scheltworte, wie „scheinheilig“ oder „Heuchler“. Um diese beiden Worte herum schreibt Hölderlin sein Gedicht, betont und setzt Ausrufezeichen, skandiert herrscherisch den Rhythmus seiner Ode und verunglimpft so die gebundene Form durch den offenen Sinn. Dem unbefangenen Leser aber schmeicheln andere Sprachgebilde. Die Stimme hebt sich, sie bebt, wird hymnisch, niemals liest sie bedachtsam das, was die Liste ihr materialiter vorgibt. Die Stimme versucht sich in einem Territorium, sucht nach Ausdruck, damit die Worte wie geschmackvolle Töne erklingen. Schon in den ersten beiden Gedichtzeilen stehen zu viele Variablen, die die Deutung erschweren, wenn nicht boykottieren. Warum das Insistieren auf Rationalität, wenn eine Schmähung ausgesprochen wird? Die Logik dieser beiden Einleitungszeilen irritiert. Es ist ja die Klarheit der Antinomie von Heuchler und Verstand, die aufhorchen macht. Weiter geht's? Wer ist Helios? Hölderlin zieht in der griechischen Mythologie den Mythenkern des Helios zu Hilfe für seine motivierte lyristische Argumentation. Der Sonnengott Helios ist die auffälligste Gestalt, denn in Hölderlins Lyrik wird auf sie im Hyperion, Hölderlins hymnischer Briefroman, indirekt gleich zu Anfang Bezug genommen. Im vierten Brief an den stummen Briefleser Bellarmin berichtet Hyperion wie oft in derartigen Situationen im hymnischen Tonfall von einem Erweckungsvorgang, in dem Helios als der Sonnengott indirekt genannt ist:

Jetzt kam er (besagter Helios) herauf in seiner ewigen Jugend, der alte Sonnengott zufrieden und mühelos, wie immer, flog der unsterbliche Titan mit seinen tausend Freu- den heraus: und lächelt herab auf sein verödet Land, auf seine Tempel, seine Säulen, die das Schicksal vor ihn hingeworfen hat, wie die dürren Rosenblätter, die im Vorübergehen ein Kind gedankenlos vom Strauche riss, und auf die Erde säte. -Sei wie dieser! rief mir Adamas zu, ergriff mich bei der Hand und hielt sie dem Gott entgegen, und wir waren, als trügen uns die Morgenwinde mit sich fort, und brächten uns in 's Geleite des heiligen Wesens, das nun hinaufstieg auf den Gipfel des Himmels, freundlich und groß, und wunderbar mit seiner Kraft und seinem Geist die Welt und uns erfüllte. (Hyperion, Kritische Ausgabe, 26)

Das ins Auge springende Motiv, weshalb Hölderlin an dieser Stelle Helios genannt haben könnte, hängt damit zusammen, dass Helios mit seinem Sonnenwagen den Überlieferungen der griechischen Mythologie zufolge mit dem Sonnenlicht den Tag gebracht habe. Durch Helios' mythische Exposition am Firmament erlebt der griechische Mensch die tägliche Geburt des Augenlichts. Helios ist der Gott des Augensehens. In Hölderlins sinnlich erfahrbarer Augenwelt herrscht heile Ordnung -die Welt des Verstandes ist die der heuchlerischen Kälte. Wie oft in seinen Gedichten spielt Hölderlin die modernistische veränderte Welt gegen die natürliche Ordnung der griechischen Mythologie aus. In den scheinheiligen Dichtern wiederholt sich die bei Hölderlin immerzu thematische Dichotomisierung von moderner entfremdeter Welt und kosmisch geordneter, verehrter Welt der Antike. Der Unwelt des Scheinheiligen, Heuchlerischen wird eine heile Welt der Götter- und Naturemphase antithetisch entgegengesetzt. Doch ist es so einfach, den Sinn eines Gedichts in der antithetischen Bauform zu erfassen? Werden die Wörter, die das Gedicht lyrisch umspielt, exponiert und vorführt, um sie schließlich zu vergessen, nicht selber kreativ, behaupten sie sich in der ihnen eigenen Dimension des Sinns?

Scheinheilig ist ein Kompositum aus „Schein“ und „heilig“ und als rhetorische Figur ein Oxymoron, zwei widerstrebende Bedeutungen werden in einem Wort zusammengefasst. Die Semantik des Wortes „scheinheilig“ hat eine Verwandtschaft zu Worten wie „Lüge“, „Falschaussagen wider besseren Wissens" oder „Verleugnung". Den genauen Kern des Wortes scheinheilig zu bestimmen, ist schwierig, denn es zielt in eine Grauzone moralischer Unwägbarkeiten. Kalte Heuchler oder Scheinheilige müssen nach dieser Überlegung, Menschen (oder Götter) sein, die wider besseres Wissen agieren, und dies auch noch aus Berechnung tun. Im Juristen- deutsch nennt man ein solches Handeln, glaube ich, vorsätzliche Täuschung. Noch eine Übersetzung des Wortes in unseren modernen Sprachgebrauch scheint mir zu passen: mangelnde moralische Integrität. Hölderlin konnte noch die mangelnde moralische Integrität beschwichtigen durch den hymnischen Ausklang der Ode. Am Ende steht die fraglose Naturemphase. In die moderne Medienwelt hat das alte Wort von der Scheinheiligkeit längst Einlass gefunden. Hören wir Nachrichten oder Kommentare, lesen wir Essays, so macht oft das Wort von der Scheinheiligkeit die Runde. Scheinheiligkeit ist in der Medienwelt von heute ein oft benutztes Reiz- und Scheltwort. Wessen medieninszenierte Aura durch die Lanze der Scheinheiligkeit verunglimpft worden ist, hat es auszuhalten, auszusitzen, wie man sagt, oder sein Image zu polieren. Während Hölderlin in seiner Ode nach und nach einen milden Ton findet, die attackierenden Dichter angesichts der Naturemphase in Vergessenheit verschwinden und die Natur, die Mutter Natur, unbefragt als Ideal aus den mildernden Verwandlungen des Gedichts erwächst, finden wir um uns das moralische Siechtum der Scheinheiligkeit überall in unserer Medienwelt. Die moderne Welt ist nicht mehr dominiert von den Göttern. Die Scheinheiligen Dichter beschwören den Sündenfall des Menschen, der nicht, wie Hölderlin es wollte, wählen kann zwischen den Göttern und der Natur, denn die Alternative stellt sich nicht.