Freiheit über alles?

In: Bundesverband junger Autoren und Autorinnen (BVjA), 2009

Die Sonnenbahn neigt sich Osten zu. In wenigen Minuten werden die letzten Strahlen des Tages hinter dem Horizont verschwunden sein. Noch braucht es keine Erinnerung an das Lichtspiel, das farbenfroh sich in der getönten Fensterfassade des Palastes der Republik spiegelt. Das zeitgeschichtliche Oxymoron, Feudalherrschaft und parlamentarische Demokratie assoziierend, ist Sitz der Volkskammer und kultureller Veranstaltungsort in einem – gigantische Architektur, welche der Deutschen Demokratischen Republik ein aufgeschlossenes Antlitz in Politik und Glamour geben sollte. Zwischen Spree und Alexanderplatz gelegen signalisierte der Palast der Republik bis 1989 einer sich organisierenden Welt Verbundenheit von Staat und Entertainment, wohl aber auch eine pseudo-demokratische Herrschaftsform.

Wie an vielen Abenden zuvor, aber wenigen danach, erledigt Wachmann Tribulcke seinen Rundgang. Ihm ist die Kontrolle der Gänge zugewiesen, in denen sich die Räumlichkeiten der Volkskammerabgeordneten befinden. In einem Staatsgebäude darf man nur Ost-Fernsehen einschalten. Und so kommt er gerne in einen schlendernden Gang, um sich nicht in seinem Dienstzimmer langweilen zu müssen. Zum Ärgernis verordnet ihm seine schmerzende Hüfte eine andere Art von Langsamtrott. Alles scheint in Ordnung, solange die im Palast verteilten Stechuhren die korrekte Zeit angeben. Bis plötzlich! Er hört etwas im hinteren Gang, als ob sich ein Schlüssel im Schloss umdreht. Ein leises Schnaufen, etwas wird vom Boden aufgehoben. Dann kommen rollende Bewegungen auf ihn zu, dynamisch, zielstrebig, surrende Geräusche durchdringen die abendliche Stille. Tribulcke ahnt, weiß, was auf ihn zu rotiert. So, wie er einmal gegangen war, Jahre vorbei - Tribulcke kennt sein Leid.

Die letzten Sonnenstrahlen versinken im Osten, im Palast wird es heller. Glühbirnen und Neonröhren probieren, wie an allen schwülen Sommerabenden, zu fortgerückter Stunde Sonnenlicht zu ersetzen. Erleichtert atmet Tribulcke auf: „Ah, der Herr Mittag. So spät abends noch?“ Der Wachmann beugt sich zu Günther Mittag nieder, dem stellvertretenden Staatsratsvorsitzenden. In Folge langjähriger Diabetes-Erkrankung sind Mittag beide Beine amputiert worden. Schon öfters hat Tribulcke den hochrangigen Rollstuhlfahrer als letztes Mitglied des Zentralkomitees der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) zu später Stunde getroffen. Dass ein Behinderter, mit einem kulinarische Entspannung und Geborgenheit ausströmenden Namen, viel Initiative und Anstrengung zeigt, gefällt ihm. Aber welches Ressort Mittag im Staat bekleidet, dass er sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung auf vielen Gebieten herumschlägt, ist Tribulcke Schnuppe. Es interessiert ihn nicht, dieses Gehirn und passable Synapsenverbindungen hat er niemals entwickelt. Woher auch? Schließlich war er ein zur Wachsamkeit verleitetes Rädchen im Getriebe einer sich demokratisch bezeichnenden Republik.

„Huch, ist es schon Zeit für Wachmänner? Na gut, Sie kenne ich, aber nicht mit Namen, ist auch egal. Jetzt gibt es schon vierzig Jahre unsere DDR! Und da wollen noch immer junge Männer und Frauen unseres Volkes weg, über die Mauer unsere schöne, idyllische Volksrepublik verlassen. Sagen Sie“, Tribulcke leicht an den Unterarm stoßend. „Verstehen Sie das? Wir von der Volkskammer verstehen es nicht!“ Der Wachmann gibt sich nachdenklich, als hätte man ihn etwas Außerordentliches gefragt, und nicht nur um seine Einschätzung. Er blickt kurz den Gang entlang, um zu sehen, ob irgendwer mithöre. Dann antwortet er leise und vertraulich: „Unter uns, nein, ich weiß nicht, was Landsleute von uns in den Westen zieht! Mir kommt alles vor wie im Paradies.“ Er hielt inne und murmelt in sich hinein: „Na ja, Paradies mit Abstrichen. Es stimmt schon. Ich habe mein Auskommen und an Wochenenden dürfen wir mit unserem alten Wartburg nach Swinemünde, Rügen oder in den Spreewald fahren. Nun gut, unseren Urlaub könnten wir irgendwo in der Sowjetunion oder Polen planen. Aber an Ungarns Grenzen ist schon wieder Schluss. Das letzte Wort betont Tribulcke hart, fast aggressiv, sodass Mittag zu ihm aufsieht und erstaunt nachfragt: „Womit denn Schluss?“ Etwas Spöttisches kommt in des Wachmanns Stimme, der sich herab blickend an Mittag wendete: „Ahnen Sie das denn nicht? Die Reisefreiheit! ‘Aufzubrechen, wohin du willst!‘. Ich erinnere mich, es war Hölderlin, der die Zeile schrieb.“ „Ach, lassen Sie doch diesen lyrischen Hokuspokus“, erwidert Günter Mittag, sichtlich erbost, sich in seinem Rollstuhl, so gut es ging, in Positur bringend. Dann ergänzt er: „Wir sind ein Staat, ein Volk, und wer es nicht glauben will, der muss es kapieren. Der kranke Mann versuchte nun verbal mit all seiner ihm bleibenden Kraft ein Exempel zu statuieren. „Wer geht und den Dienst an unserer Sache verweigert, ist nichts anderes als ein Volksfeind, bei …!“ Ihm fehlt das Wort, das in vielen Teilen der Welt gefallen wäre.

Tribulcke tut es innerlich leid, dass er an diesem Juniabend des Jahres 1989 aus heiterem Himmel seinen Gedanken freien Lauf gegeben hat, noch dazu in der zentralen Etage des Palastes der Republik. Mittag wendet sich nicht ab, sondern sieht ihn zur Überraschung ein wenig lächelnd an. Dann sagte er: „Es ist gut, des Volkes Stimme zu hören. Wir von der Volkskammer bekommen sonst nicht mit, wie der kleine Mann auf der Straße sonst denkt. Ich trete Ihnen doch nicht zu nahe, wenn ich ‘Kleiner Mann‘ sage. Schließlich passen Sie, wie heißen Sie eigentlich, auf uns und dieses Prachtgebäude auf, damit uns kein Leid geschieht. Tribulcke versucht eine Bewegung zu machen, die wie eine Verneigung aussieht.

Der gehandicapte Staatsratsvizevorsitzende hebt erneut an: „Wissen Sie, wenn es nach dem Generalsekretär der SED, Erich Honecker, ginge, dauert Ihr Paradies noch fünfzig oder hundert Jahre an. So jedenfalls hat er es vor kurzem Mihail Gorbatschow in Moskau erklärt. Sie mögen sich denken, wie stolz er gewesen ist, diesen Gedanken vor dem Repräsentanten des Bruderstaates verkünden zu können. Tribulcke erwidert: „Fünfzig oder hundert Jahre? Solange lebe ich nicht mehr. Zum Glück sind Gedanken und Wünsche frei. Wenn man etwas verkündet, muss man auch daran glauben. Und Sie, Herr Mittag? „Wenn ein Generalsekretär unserer Einheitspartei etwas verkündet, wirkt es in den Köpfen wie ein kommunistisches Manifest. Trotzdem habe ich meine Bedenken. Manuskripte, Informationen und viele internationale Kontakte ergeben ein Bild von unserem Staat im Sinkflug. Industrienationen, Maschinenbau, Computertechnologie und Pharmazie drängen an die Weltspitze, und wir berufen uns auf ein paar armselige Kombinate, welche die Zeitenwende verpassen werden, wenn nichts geschieht. Es wird schon etwas damit zu tun haben, dass niemand unserer jungen Elite studieren darf, wo er oder sie will. Wenn Sie mich fragen, wir müssen mehr, viel mehr, zustande bringen als zuvor, wenn wir die nächsten ‘fünfzig oder hundert Jahre‘ als DDR erleben möchten.“ Nun verfällt Günter Mittag in einen fast klagenden Tonfall: „Uns laufen die Menschen weg, die Intelligenten und Geschickten (nicht die Gesandten). Ich ahne, woher sie Informationen haben, dass es woanders besser sei. Als wenn Sie nicht schätzten, was wir in vierzig Jahren aufgebaut haben. Sie wollen weg, fliehen, verlassen allein oder mit ihren Familien Karl-Marx-Stadt, Dresden oder Magdeburg. Nur weil irgendwer in diesem und den Jahrhunderten davor von Freiheit geschwafelt hat. Freiheit, was ist das schon? Wir sind das Volk! Das Volk kann es nur geben, weil es eine Regierung, eine Volkskammer, hat. Aber nein, unsere Volkskammer gilt nichts gegen die Versprechungen des zivilisierten Westens.“ Tribulcke hüstelte kurz und Mittag schaute mit hoch rotem Kopf auf. Der Wachmann weiß kaum noch, wie er sich verhalten soll. Sicherlich hat er schon einige Stationsmeldungen verpasst und würde am morgigen Tag von seinem Vorgesetzten zur Rede gestellt werden. Schlimmstenfalls müsste er seinen Dienst wegen Pflichtverletzung quittieren.

Wenn er so nachdenkt, hatten Tribulckes es schon öfters erlebt, dass Tag ein Haus oder eine Wohnung leer geworden waren – von einen auf den anderen Tag. Wie heißt es dann immer? Die Bewohner seien verreist. Nach Wochen, Monaten kamen sie nicht wieder, die Immobilie blieb leer, sie verfiel, manchmal sogar Straßenzüge. Geschah und geschieht es der Freiheit wegen? Darüber hat Tribulcke nie nachgedacht. Die Daheimgebliebenen schauten sich kurz beim Einkaufen, beim Spazierengehen an, sprachen aber kein Wort über diese plötzlich verschwundenen Existenzen. Auswanderung-, Fluchtinitiatoren könnten die über das West-Fernsehen ausgestrahlten Fantasien des Mammons, das zweitürige Cabriolet, die Mikrowelle oder das Überangebot an Unterhaltselektronik gewesen sein. Über den „antikapitalistischen Schutzwall“, bekannt und gefürchtet als „die Mauer“, durch die Ostsee schwimmend, segelnd, rudernd oder über Ostblock-Anrainerstaaten suchten sie aus der DDR zu entrinnen. Manche kamen durch, andere nicht. Lebenswagnisse für eine Vision von Freiheit. Selbst die kleinste Ahnung droht im gelebten Alltag unterzugehen.

Erfolgreich geflohen zu sein, gibt dem Menschen das Gefühl, Freiheit sei in der Nähe, nicht manipulierbar durch die Gesetze des Staates, eines Staatenverbunds manifestiert.

Geistig abwesend schaut Tribulcke auf die Uhr. Über Freiheit hatte er nie nachzudenken brauchen. Er und seine Angehörigen erledigten, was in einer Volksdemokratie für selbstverständlich gilt. Was interessiert ihn, was in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, in der „Times“ oder in der „Washington Post“ geschrieben und bebildert steht, wenn er doch tagtäglich das „Neue Deutschland“ in Händen halten kann?

„Es ist höchste Zeit, sich zu verabschieden“, durchfurcht es Tribulcke, sonst komme ich hier überhaupt nicht weg!“ Der Wachmann schickt sich an, seinen Kontrollgang fortzusetzen, Mittags Rollstuhl wendet sich dem Fahrstuhl entgegen. Plötzlich halten beide in ihren Bewegungen inne. Eine Abgeordnetentür öffnet sich, ganz nah und schlägt wieder zu. Eine Frau verstellt Tribulcke den Weg, Mittag wendet sich. Sie, einen Kopf größer als Tribulcke, hellbraune, zum Zopf geflochtene Haare, leichtes Hemd, blau-grauer Langrock herrscht ihn an: „Sie halten den Herrn Vizevorsitzenden von seiner Nachtruhe ab. Das geht nicht, das muss ich weiter geben. Die mysteriöse Frauenfigur, die sich durch ihre bloße Anwesenheit vorstellt, ist wie ein Amalgam des Staats, ein Teil eines Gespinsts, das in jeder Nische, an jeder Ecke aus dem Nichts auftauchen kann. Selbst in den Gängen des Palasts der Republik ist niemand davor sicher. Auch jene nicht, die selber dazugehören. An Art ihrer Kleidung und der imperatorischen Haltung gibt sie sich zu erkennen. Wie Heuschrecken weiß man sie da und dort, männlich oder weiblich. Wie nicht anders zu erwarten, stellt sie den subalternen Wachmann Tribulcke zur Rede. Uniformierte Machtausstrahlung und befehlsmäßiger Ton bewirken größte Zurückhaltung und Devotheit. Darum Tribulcke als erstes und nicht Mittag. Ein Mitglied der sogenannten „Staatssicherheits-Behörde(STASI)“ in der Nähe zu haben, ist nicht ungewohnt, aber alarmierend für die Worte, die man spricht, für die Handlungen, die man versieht.

Mittag bleibt, sieht aufmerksam der Szene zu, die sich vor ihm abspielt. Schließlich haben sie über Freiheit gesprochen, und da Wände überall Ohren bekommen, wird es nicht gerne gehört, besonders dieses eine Wort nicht. Und von der Wortverwendung zum nicht öffentlichen Prozess und zur Inhaftierung in Bautzen ist es nicht weit. Aber welcher Prestigegewinn! Wer in Bautzen oder einem anderen DDR-Gefängnis wegen Staatsvergehens inhaftiert wird, ist als politischer Häftling anerkannt.

Jahrelang wanderten unter anderem jene, die sich anmaßen, lauthals über Freiheit nachzudenken und jene, denen unterstellt wurde, Gedanken für dieses eine, unerwünschte Wort zu hegen, über die Gleiwitzer Brücke vom Osten in den Westen. DDR-Pessimismus wegen sich verringernder Population, aber Freude wegen sprudelnden Devisengewinns, überwiesen vom politisch deklarierten Staatsfeind Nummer Eins, der Bundesrepublik Deutschland, im Staatsjargon als „BRD“ bezeichnet.

Tribulcke, eine dem Schein nach Staatsmacht-Repräsentantin vor sich, blickt stumm, sichtlich eingeschüchtert. Er denkt: „Was kommt jetzt auf mich zu.“ Zu seiner Verwunderung geschieht nichts. Sie dreht sich zu Günter Mittag um, nimmt eine noch strammere Haltung an, dann sagt sie, den Tonfall hörbar senkend: „Genosse, Entschuldigen Sie die Störung. Führungskader wie Sie müssen manchmal über unseren Horizont hinaus denken, aber nicht mit einem Wachmann. Wenn so etwas aus den Mauern unseres hochverehrten Palastes der Republik nach außen dringt. Gar nicht abzusehen, was dann alles passieren könnte mit dem Staat. Ich enthalte mich, Mitteilung zu machen, einen Bericht zu schreiben und wünsche Ihnen einen schönen Abend.“

Sie geht, entschlossen und ohne zu zögern. Mittag und Tribulcke schauen sich kurz an, dann nehmen sie ihre Richtungen.

Der Wachmann wurde im Nachhinein zu keiner Unterredung bestellt, aber er war sich sicher, dass man ihn seit dem abendlichen Treffen aufmerksam beobachte. Noch so ein Tête-á-Tête, und es wäre sein letzter Gang durch den Palast der Republik gewesen.

Einige Wochen später, am 4. Juli, kontrollierte Tribulcke wieder bei den Abgeordnetenzimmern. Es ist etwa zur gleichen Uhrzeit, wie beim ersten Mal, als er auf Günter Mittag trifft. Wieder, Geräusche eines im Schloss sich drehenden Schlüssels, das Rollen über die Fußbodenfliesen. Vor sich sieht Tribulcke den Rollstuhlfahrer Günter Mittag. Ein kurzer Blick, sie wollen sich nicht ansprechen. Tribulcke hat schon den Rollstuhlfahrer passiert, innerlich pulsiert das Herz. Ein Schritt noch, dann kann er aufpusten. Fast ist er an Mittag vorbei, als Tribulcke seinen Nachnamen sagen hört. Der gebrechliche Staatsrats-Politiker hat Tribulckes Namen genannt, vielleicht in seiner Akte nachgeschlagen. Was soll er jetzt tun, durchzuckt es ihn. Stehen bleiben oder Weitergehen? Aber er kommt nicht dazu, eine Entscheidung zu treffen, denn Mittag spricht ihn an: „Schon gehört? In Peking schießen Soldaten aufs Volk. Stellen Sie sich vor, wenn das Gleiche hier auf dem Alexanderplatz passieren würde? Ich habe Ihnen doch schon vor ein paar Wochen gesagt, die politische Sache hier und in der Welt ist nicht leicht.“ Tribulcke steht still, fast gelähmt für Sekunden. Dann drehte er sich um und stottert: „Wie! Wie meinen Sie das?“ „Na“, setzt Mittag fort: „Die Chinesen wollen himmlischen Frieden und nennen ihren größten Platz der Hauptstadt Peking so. Widerständler, Demonstranten hecheln dem Ideal der Freiheit nach und riskieren ihr Leben. Auf dem Alexanderplatz wird es niemals himmlischen Frieden geben. Die DDR bietet Freiheit in Grenzen. Das ist vielen nicht genug. Mittag fährt mit schnellen Bewegungen auf und davon, Tribulcke starrte ihm wortlos hinterher.