Philosophische Qualitätsbegriffe – ein Abriss
Qualität, philosophiegeschichtlich zurückverfolgt, wird als Begriff zum ersten Mal bei Platon als ποιότης (gesprochen: poiothz) genannt. Als Vorgänger des platonischen Qualitätsbegriffs verhandelte die vorsokratische Philosophie den Begriff des qualitativ Bestimmten als poion oder quale. Platon zog aus der vorsokratischen Spezifizierung eines Gegenstandes, von ihn definierenden Merkmalen auf das ihn qualitativ Bestimmende zu schließen, die Konsequenz, zwischen der merkmalsfixierten allgemeinen Beschaffenheit (ποιότης) und dem qualitativ Bestimmten (ποιόν) zu unterscheiden. Platons Differenzierung zwischen der qualitativen Beschaffenheit und dem qualitativ Bestimmten ist grundlegend für sich hervorhebende Bedeutung des Qualitätsbegriffs. Ohne die Sache oder den Gegenstand inhaltlich identifiziert zu haben [zu wissen, was es ist], ist die Beschaffenheit (poion) nicht zu bestimmen.
Aristoteles (der Stagirit genannt) nimmt den Qualitätsbegriff in seine Kategorienlehre auf und gibt der Qualität als dritter Kategorie eine zentrale Bestimmung. Qualität beschreibt Objekteigenschaften, die physikalisch, aber nicht mathematisch beschrieben werden. Qualität ist für Aristoteles eine abstrakte Eigenschaft, die einem oder mehreren Konkreten zukommen kann, z. B. Länge, welche von Objekt zu Objekt unterschiedlich zu messen ist.
Entscheidend für Aristoteles ist die Abhängigkeit von abstrakter Qualität und dem qualitativ Bestimmten. Ohne abstrakte Qualität kann es ein qualitativ Bestimmtes nicht geben, was umgekehrt bedeutet, dass jedes qualitativ Bestimmte (zu Bestimmende) einen Ursprung in der abstrakten Qualität hat.
Auf dem Niveau der aristotelischen Kategorienlehre kennzeichnet sich Qualität als das, was als ähnlich bzw. unähnlich bestimmt wird. Aus Gründen der kategorial inhärenten Heterogenität (nicht-zusammenhängenden Verschiedenartigkeit) kann Qualität kein Substanzbegriff sein.
Die Abgrenzung der Qualität von der Substanz (Wesen, Essenz, Ousia) findet in der aristotelischen Metaphysik statt. Als erste Qualität definiert Aristoteles den „Unterschied des Wesens“, also die Eigenschaft, die ein Objekt, ein Lebewesen, von anderen unterscheidet (der aufrechte Gang des Menschen oder das Fehlen des Kurvenverlaufs der geraden Linie). Zur zweiten Qualität bestimmt Aristoteles alles, was Bewegung ausführen kann. Neben physikalischen Eigenschaften von Objekten, wie Schwere, Länge oder Größe zählt der Metaphysiker Aristoteles moralische, Handlungen auslösende Eigenschaften als zu den Qualitäten.
Epikur distanziert sich in seiner atomistischen Physik revolutionär vom antiken Qualitätsverständnis, indem Qualität als objektive Entität aufgefasst wird. Weil Qualitäten unveränderlich und unvergänglich seien, denkt Epikur sie als Qualitäten von Atomen. Atomare Qualitäten begreift Epikur nicht als Eigenschaft der Atome, sondern als fluktuative Zustandsbestimmungen, welche auftreten oder wieder verschwinden können. Epikurs atomistische Bestimmung des Kosmos geht davon aus, hinter der sinnlichen Welt wahrnehmbarer Eigenschaften eine zweite atomare Welt anzunehmen, in der Qualitäten von Atomen dominieren, welche vergängliche, der Zeit unterworfene Objekteigenschaften sind, wie Figürliches, Ausdünstungen oder farbliche Merkmale.
Die Stoa positioniert den Qualitätsbegriff in ihrer Kategorienlehre an zweiter Stelle und ordnet ihn anderen Verhaltensäußerungen voran, wie die des ‚irgendwie Verhaltens‘ oder des ‚beziehungsweisen Verhaltens‘. Qualität ist nach stoischer Lehre eine artbildende Differenz, die ein zugrunde Liegendes zwar annimmt, sich dennoch an Differenzkriterien orientiert, welche sich in Haltungen, Gesten oder Dispositionen ausdrücken.